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Belauschtes Tischgespräch

Belauschtes Tischgespräch

Von Marie-Luise Fischer

„Als ich Helmut heiratete, heiratete ich auch gleich Herrn Schröder mit. Ihr könnt mir glauben: Von diesem Tag an waren Eifersuchtsszenen und Ärger in unserer Ehe vorprogrammiert. Keiner von uns dreien wollte um des lieben Friedens willen nachgeben. Besonders Herr Schröder, dieser Dickkopf, nahm sich Rechte heraus, die mich verzweifeln ließen.

Ständig wollte er mein Bett mit mir teilen. Schmiss ich ihn hinaus, dann kroch der verschmuste Kerl bei Helmut unter die Decke und ließ sich von ihm verwöhnen. Wir lagen immer zu dritt in unserem Ehebett!“

Ach, wie peinlich! Mir blieb vor Entrüstung fast der Pizzahappen im Hals stecken. Hecktisch würgte ich mit einem Schluck Rotwein den Bissen hinunter. Ist es möglich! Diese Frau am Tisch nebenan erzählte ihren männlichen und weiblichen Tischgenossen ihre Bettgeschichten so laut, dass ich ungewollt zuhören musste.

„Hast Du auch mitbekommen, worüber sich die Leute am Nebentisch unterhalten?“ flüsterte ich meinem Mann zu. „Natürlich, ist doch nicht zu überhören. Aber was soll’s, die einen lieben die Zweisamkeit, die anderen den flotten Dreier, ja und?“ antwortete er grinsend. „Wenn es Dich stört, dann hör‘ nicht hin“.

Es drang lautes Gelächter zu uns herüber. Ich wollte wirklich nicht weiter hinhören, doch meine Neugierde besiegte mich.

„Na ja, dann war ich es eines Nachts leid mit Herrn Schröder, packte ihn zornig am Arsch und Kragen und schmiss ihn aus meinem Bett. Könnt ihr euch vorstellen wie der gejammert hat? Aber ich hatte gewonnen, das Bett gehörte endlich mir allein. Schröder verließ humpelnd und schimpfend das Schlafzimmer. Ich nahm an, Helmut würde jetzt mit mir kuscheln, aber nein, nun war er wütend auf mich. Wie konnte ich es nur wagen, so rabiat mit seinem besten Freund umzugehen, der all die Jahre mit ihm durch dick und dünn gegangen ist. Sein Liebling hat so eine herzlose Behandlung nicht verdient! Nun war die Nacht für mich gelaufen, Helmut küsste Herrn Schröder im Wohnzimmer, und ich fühlte mich wie das fünfte Rad am Wagen.“

Mein Blick streifte verächtlich die Erzählerin. So ein grobes Weib, dachte ich, hat sie nicht vorher gewusst, wen sie geheiratet hat? Sie muss doch gemerkt haben, dass ihr Helmut bisexuell ist. Herr Schröder und er haben doch schon vor ihrer Ehe zusammengelebt. Musste sie gleich mit beiden in deren Liebesnest steigen? Und ihre Rohheit in Wort und Tat, unmöglich! Woher nahm diese zierliche Person eigentlich die Kraft einen erwachsenen Mann aus dem Bett zu werfen? Ist sie im Judokampf erfahren? Das muss sie sein, die Leute können mit Leichtigkeit ihre Gegner aufs Kreuz legen.

Am Nachbartisch wurde weiter gekichert. Ich vernahm, dass Herr Schröder nun doch das Recht eingeräumt bekam, auf einem Gästebett, das sie neben ihrem Ehebett aufstellten, zu übernachten. Mein Gott, was es doch für frivole Menschen gab! Sie schreckten noch nicht einmal vor Spannern im eigenen Schlafzimmer zurück! Aus den Wortfetzen, die zu uns herüberflogen, entnahm ich, dass Herr Schröder absolut keinen Anstand und auch keinen guten Charakter besaß. Er prügelte sich des Öfteren mit anderen rauflustigen Kerlen und kam dann zerrissen und abgekämpft nach Hause gestolpert. Einmal kehrte er von einem nächtlichen Streifzug durch die Gemeinde zu Tode erschöpft heim und wagte sich tatsächlich auf das neue Sofa zum Ausruhen. „Ja, da habe ich ihn…“ Was war das, was hatte die Erzählerin getan? Ihn mit der Pistole vom Sofa gejagt? Jetzt, wo es spannend wurde, dämpfte die Quasselstrippe ihre Tonlage, und ich musste mich ungeheuer anstrengen, ihrer Erzählung zu folgen, Klar, dass Her Schröder sie nicht mehr leiden konnte… hörte ich weiter… er zerriss sogar eines Nachts aus Rache ihre neuen Wohnzimmergardinen.

Ich wusste nicht, wen ich mehr bedauern sollte, Herrn Schröder mit seiner bisexuellen Veranlagung, der seinen Freund mit dieser Frau teilen musste, oder die Quatschtante, die sich mit dem weiteren Zusammenleben der beiden abfinden musste.

Von wem spricht sie jetzt? Von einer Frau Plüsch… einer neuen Nachbarin? Für Helmut und sie begann die schlimmste Zeit… erzählte sie nun wieder mit lauter und aggressiver gewordener Stimme. Diese neue Nachbarin mochte Herr Schröder überhaupt nicht ausstehen. Es verging kaum ein Tag, an dem sich Herr Schröder und Frau Plüsch nicht zankten. Manchmal hatte sie sich gar nicht mehr unter Kontrolle, und sie schlugen sich, bis die Fetzen flogen.

Himmel, welch eine Nachbarschaft. Meine Gedanken rasten. Gibt es so ein Milieu noch? Bei denen geht es ja zu wie…, bei den Neandertalern mit der Keule!

Nun waren Arztkosten und erste Hilfe, die Helmut der Frau Plüsch ab und zu leistete, das Gesprächsthema.

Natürlich, jetzt wird wieder die Schuld auf die Frau, diese Nachbarin geschoben! Ich höre, dass Frau Plüsch eine gepflegte junge Rothaarige ist und ihr aufreizender Gang Herrn Schröder immer aus der Reserve lockte. Eines Tages, da passierte es wieder…. Was passierte wieder? Schamlos neugierig war ich, die ungebetene Lauscherin, heiße Ohren bekam ich vor Wissbegierde….

Frau Plüsch stolzierte im Garten über die Wiese, steckte ihre Nase in diese und jene Blume, kaute unschuldig an einem Grashalm und legte sich, für Herrn Schröder wohl zu einladend, auf den Rücken, räkelte sich, dreht sich wieder auf den Bauch, rutschte hin und her, bis sie endliche ihre bevorzugte Liegeposition fand.

Herr Schröder saß in der Gartenlaube und beobachtete Frau Plüsch. Ihre geballte erotische Ausstrahlung bannte ihn so sehr, dass er seine Aggressivität unterdrückte und leise wie ein Tiger an Frau Plüsch heranschlich. Gerade wollte er sich auf sie stürzen, da bemerkte sie ihren lüsternen Angreifer. Schreiend kam sie auf die Beine und rannte in rasantem Tempo über die Wiese in die Gemüsebeete, Herr Schröder immer hinterher. Er jagte sie so verbissen, dass Frau Plüsch als letzter Ausweg nur noch die Flucht auf den Apfelbaum blieb, um den Schlägen des Herrn Schröders zu entkommen. Behände erklomm sie den höchsten Ast des Baumes. Herr Schröder, schon etwas älter, etwas fettleibiger und darum auch unsportlicher als Frau Plüsch, ließ sich vollkommen aus der Puste unter dem Baum fallen. Hier saß er nun und verfolgte jede ihrer Bewegungen mit lüsternen Blicken. Er hoffte wohl darauf, dass Frau Plüsch sich nicht mehr auf dem Ast oder der Ast nicht mehr ihr zartes Gewicht halten würde.

Keiner der Nachbarn reagierte auf Frau Plüschs Hilfeschreie, nur Helmut, und zwar wutentbrannt. Vom Küchenfenster aus hatte er das Treiben des Freundes mitangesehen. Helmut stürmte in den Garten und knöpfte sich Herrn Schröder vor. Mit zornigen Worten machte er ihm klar, dass man sich in diese flegelhaften Art und Weise einer Dame gegenüber nicht zu benehmen hatte. Herr Schröder aber zeigt ihm nur gelangweilt die kalte Schulter.

Was für eine primitive Nachbarschaft, dachte ich empört. Warum verständigte niemand die Polizei? Hier war jemand in Not und brauchte Hilfe! Gute Worte und langes Zureden Helmuts verfehlten in dieser brenzligen Lage doch nur ihre Wirkung!

Schallendes Gelächter vom Nebentisch!

In meinem Kopf rauschte das Blut. Wie kann man sich nur über das Missgeschick dieser armen Frau so köstlich amüsieren!

Was hatte ihr Helmut dann getan?

Ich glaubte, ich hörte nicht richtig.

Er war zum Wasserkran gerannt, hatte den Gartenschlauch genommen, ihn zielgenau auf Herrn Schröder gerichtet, und den Kran bis zum Anschlag aufgedreht. Der freche und dreiste Schröder, vom harten, kalten Wasserstrahl getroffen, fauchte, miaute und stob mit eingezogenem Schwanz wie ein abgeschossener Torpedo davon.

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